erschienen November 2012, WIR Magazin

Ich bin viel zu nett

Meine Freundin Kerstin sagt, ich sei viel zu nett. Absolut
konfliktscheu. Stimmt, sage ich, ich streite eben nicht gern. Harmoniesucht,
sagt Kerstin verächtlich. Immer nur nett sein wollen, ein typisch weibliches
Phänomen. Hat sie Recht? Im Geiste durchforste ich meinen Freundes- und
Bekanntenkreis. Zufrieden stelle ich fest, dass ich mit allen sehr gut auskomme
und die meisten mich wohl richtig nett finden. Wenn Kerstin Recht hat, dann
sollte ich dies schleunigst ändern, um nicht als die ewig Nette nur ausgenutzt
zu werden. Also keine Konflikte scheuen. Ehrlich sein, auch wenn's weh tut. Und
bloß keine faulen Kompromisse, nur um des lieben Friedens willen. Ich starte
einen Selbstversuch, will einen Tag lang weniger nett sein. Offen sagen, was ich
denke. Praxistest Eins beim Frühstück. Meine Tochter albert herum, ihre Tasse
landet auf dem Boden. Betretenes Schweigen. Mein Kind weiß, dass es Mist gebaut
hat. Wozu also schimpfen? Dafür ist auch gar keine Zeit, sie muss los zur
Schule, ich zur Arbeit. Gemeinsam packen wir an, um das Malheur zu beseitigen.
Ich finde sogar, dass wir ein gutes Team sind, behalte das aber für mich, denn
allzu nett will ich ja gerade jetzt nicht sein.

Praxistest  Zwei im Büro. Der PC streikt. Ich brauche Hilfe. Sofort. Der Kollege aus der
EDV lässt sich unverschämt viel Zeit. Als er auftaucht liegen mir auf der Zunge
ein paar Vokabeln, die überhaupt nicht nett klingen. Aber über meinen Schatten
springe ich dann doch nicht. Ich schweige bissig. Dann geht's ganz schnell. Mit
wenigen magischen Handgriffen hat er das Problem behoben. Schlagartig klart
sich mein Himmel auf. Ich bin erleichtert. Vielen Dank, sage ich im Reflex und
beiße mir auf die Zunge. Ich wollte doch gar nicht nett sein. Zu spät.
Erleichtert lächelt er zurück. Das erste freundliche Wort an diesem Tag, sagt
er. Ein Netzwerkproblem. Seit Stunden jage er von Büro zu Büro. Und jeder sei
sauer auf ihn, dabei trage er doch gar keine Schuld. Ich kann nicht anders und
biete ihm einen Kaffee an, den er dankbar annimmt. Die erste Pause an diesem
Tag, gesteht er. Und ich bin erleichtert, dass ich nett zu ihm sein konnte.

Mein Selbstversuch ist gescheitert. Vielleicht bin ich zu nett. Aber dafür finde
ich, sind es die meisten Leute auch zu mir. Und im Alltag tut uns das doch
allen gut.